Kapitel 4

Luftführung am Papier und Flüstermelodie

Nach dem einzelnen Ton und seinem Crescendo geht es nun um die Verbindung mehrerer Töne. Die Übung mit dem Papier macht zunächst erfahrbar, wie wenig Aufwand ein gezielter Luftstrahl benötigt. Anschließend wird diese leichte Luftführung mit einer geflüsterten Melodie verbunden.

Das umgekehrte Mundstück als Orientierung

Ein kleines Stück Papier von etwa 2,5 × 2,5 cm wird auf Mundhöhe an eine Wand gehalten. Der Schüler nimmt ein Trompetenmundstück verkehrt an die Lippen, also mit dem Schaft im Mund. Durch das Mundstück wird so geblasen, dass der Luftstrahl das Papier an der Wand hält.

Der Abstand darf klein sein. Der Spieler soll es sich leicht machen und so nahe herangehen, dass wenig Aufwand genügt. Nun wird erkundet, wie weit die Luftabgabe vermindert werden kann, während das Papier noch haftet.

Dieses Gefühl eines geringen Aufwands wird zur Orientierung für den nächsten Schritt. Es lohnt sich, kurz innezuhalten und es bewusst zu bemerken, bevor das Mundstück beiseitegelegt wird.

Mit dem „pü“ denselben Aufwand finden

Derselbe Versuch erfolgt nun ohne Mundstück mit dem „pü“ aus Kapitel 2. Das „pü“ hat eine hörbare Tonhöhe. Die Lippen sind zum Flüstern leicht gerundet, die Zunge befindet sich weit vorne im Mundraum und darf die Kante der unteren Schneidezähne berühren. Der Kiefer bleibt locker und etwas geöffnet.

Diese Vorbereitung ist wesentlich. Gesucht wird genau die Qualität des „pü“, die später auf das Trompetenspiel übertragen werden soll. Ein beliebiger Luftstoß erfüllt die Aufgabe nicht in derselben Weise.

Der Luftstrahl wird auf das Papier gerichtet. Der Spieler versucht, es mit ähnlich geringem Aufwand an der Wand zu halten wie zuvor mit dem umgekehrten Mundstück. Auch jetzt darf er nahe an das Papier herangehen.

Dafür verwende ich das Bild der Zunge als Düse. Die Aufmerksamkeit gilt ihrer Formung und der gezielten Luftführung im Mundraum. Fällt das Papier, werden zunächst die Richtung des Luftstrahls und die Qualität des „pü“ überprüft. Der Versuch beginnt erneut, ohne vorsorglich kräftiger zu blasen.

 
 

Luftführung am Papier. Das umgekehrte Mundstück gibt den geringen Aufwand vor; mit dem tonhöhenhaltigen „pü" wird diese Leichtigkeit wiedergefunden.


 

Die Flüstermelodie verbinden

Nun wird auf „pü“ eine einfache Melodie geflüstert, während das Papier möglichst an der Wand bleibt. Für den Einstieg hat sich die Tonfolge g¹–e¹–a¹ bewährt. Später kommen h¹ und c² hinzu. In relativer Solmisation entspricht dies sol–mi–la–(si–do).

Die Verbindung wird zunächst als Glissando geführt. Zwischen den Tönen bleibt ein hörbarer Verlauf. So lässt sich die Veränderung im Mundraum als zusammenhängende Tätigkeit wahrnehmen.

Der Abstieg von sol nach mi wird häufig als eine Bewegung der Zunge nach unten erlebt. Beim anschließenden Aufstieg kehrt sich diese Richtung um. Gerade dieser Wechsel macht die Folge für die Wahrnehmung hilfreich. Die einzelnen Töne geben Orientierung; die Aufmerksamkeit gilt zunächst dem Weg zwischen ihnen.

Dabei bleibt die Zunge weit vorne. Sie wird beim Abstieg nicht aus ihrer vorderen Lage zurückgezogen. Der Kiefer gibt Raum, während die Zunge ihre Form verändert. Es lohnt sich zu bemerken, ob der Kiefer beginnt, jede Tonveränderung mitzumachen, und dann das lockere Ausgangsgefühl wiederzufinden.

Die Lippen bleiben für die Flüsterübung gerundet. Verliert das „ü“ seine Qualität und wird zum „i“, wird die Lippenrundung erneut überprüft. Beim anschließenden Spielen erfolgt wieder der in Kapitel 2 beschriebene Übergang in die Spielstellung.

 


 

Notenbeispiel 2 · Flüstermelodie. Die eingeklammerten Töne werden erst später ergänzt. Der Ton auf la kann als neuer Ausgangston der nächsten Zeile dienen.


 

Die Folge lässt sich schrittweise nach oben versetzen, etwa bis ihr Anfangston über c² liegt. Voraussetzung ist, dass das „pü“ seine Qualität behält und der verbundene Verlauf wiedererkennbar bleibt. Jede Zeile wird zunächst geflüstert und anschließend auf der Trompete gespielt.

Mundraum und Instrument aufeinander abstimmen - Warum Resonanz so wichtig ist

Die Flüstermelodie macht eine Veränderung hörbar, die beim Trompetenspiel weniger unmittelbar zugänglich ist. Der Mundraum wird dabei als gestaltbarer Klangraum erfahren. Diese Erfahrung dient als Vorlage für das anschließende Spielen.

Als Anschauungsbild lässt sich an eine Saite denken, die durch einen passenden Klang zum Mitschwingen angeregt wird. Beim Trompetenspiel ist das Zusammenspiel jedoch komplexer: Lippen, Instrument und Vokaltrakt beeinflussen einander. Eine Übereinstimmung zwischen Mundraumresonanz und dem jeweils gespielten Ton erleichtert die Tonerzeugung enorm.

Für die Übung wird dieses Zusammenpassen zunächst gehört und gespürt. Eine vertraute innere Form wird vorbereitet, dann wird bemerkt, wie leicht der Ton am Instrument darauf anspricht. Die Vorstellung der Arbeit im Mundraum begleitet den Übergang.

Der lockere Kiefer hat dabei eine wesentliche Aufgabe: Er lässt den Raum zu, in dem die Zunge ihre Formung entwickeln kann. Wird der Kiefer beim Ansetzen eng oder fest, lohnt sich die Rückkehr zum Flüstern. Die dort gefundene Leichtigkeit wird erneut zur Orientierung.

Übertragung auf die Trompete

Die Lippen gehen aus der Flüsterform in die Spielstellung über. Erhalten bleibt die Vorstellung des inneren Verlaufs. Für die ersten gespielten Phrasen kann erneut der Beginn aus dem Luftstrom der „Lippe-zu“-Übung gewählt werden.

In Naturtonbindungen lässt sich diese Verbindung besonders gut erkunden. Obwohl die Trompete hörbar von einem Ton zum nächsten wechselt, bleibt die Tätigkeit im Mundraum zusammenhängend. Das Glissando des Flüsterns hilft, diesen inneren Verlauf vorzubereiten.


 

Die geflüsterte Melodie wird auf das Instrument übertragen. Die Lippen gehen in die Spielstellung über; die Arbeit im Mundraum bleibt die Orientierung.


 

Als weiteres Material eignen sich die abgebildeten Flow Studies nach Cichowicz. Jede Zeile wird zunächst geflüstert und dann gespielt. Der Tonraum wird nur so weit erweitert, wie die Vorbereitung nachvollziehbar bleibt. Ebenso können andere einfache Legatomelodien verwendet werden.
 

Notenbeispiel 3 · Flow Studies nach Cichowicz. Jede Zeile zunächst flüstern, anschließend spielen; den Tonraum nach und nach erweitern.

 
Die Arbeit am Papier hilft, mit geringem Aufwand eine gezielte Luftführung zu finden. Die Flüstermelodie verbindet diese Erfahrung mit der veränderlichen Form im Mundraum. Beim Spielen wird schließlich bemerkt, wie die Vorbereitung Ansprache und Verbindung erleichtert. So führt der Weg vom einfachen Versuch zur musikalischen Phrase.
 
Kapitel 5

 

 

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