
Die „Lippe-zu“-Übung bildet den Ausgangspunkt der folgenden Arbeit. Sie führt vom geflüsterten „pü“ über einen Luftstrom durch die Trompete zum klingenden Ton.
Ihr besonderes Interesse liegt im Übergang: Während sich die Lippenöffnung allmählich verkleinert, kann der Spieler bemerken, welche Tätigkeit im Mundraum mit dem Ansprechen des Tons verbunden ist. Der Kiefer bleibt dabei locker und gibt der Zunge Raum.
Das geflüsterte „pü“ finden
Man flüstert die Silbe „pü“ hörbar, aber ohne Stimme. Gemeint ist ein leiser Laut mit erkennbarer Tonhöhe. Am leichtesten lässt er sich aus dem Pfeifen entwickeln: Zunächst wird leise gepfiffen, dann die Lippenform so weit verändert, dass der Pfeifton versiegt und ein geflüsterter Klang übrig bleibt.
Der Unterkiefer bleibt dabei locker und etwas geöffnet. Es besteht kein Anlass, einen Trompetenansatz zu formen oder besonders viel Luft einzusetzen. Gesucht wird ein leicht erzeugter Laut, dessen Höhe verändert werden kann. Diesen Laut bezeichne ich im Folgenden als Flüsterton.
Beim geflüsterten „pü“ befindet sich die Zunge weit vorne im Mundraum. Dabei darf sie die Kante der unteren Schneidezähne berühren. Halte sie also nicht bewusst von den Zähnen zurück: Diese vordere Zungenlage ist für das hier gemeinte „pü“ entscheidend. Erst damit erhält es die Qualität, die wir für die anschließende Übertragung auf das Trompetenspiel brauchen.
Der Kontakt bleibt leicht. Die Zunge wird weder gegen die Zahnkante gedrückt noch dort festgehalten; sie bleibt für die Formung des „ü“ und die Veränderung der Flüsterhöhe beweglich. Der Kiefer bleibt dabei locker und etwas geöffnet.
Wer zunächst nur Rauschen hört, kehrt zum leisen Pfeifen zurück und erkundet den Übergang erneut. Das Vormachen im Unterricht ist besonders hilfreich: Die Qualität des „pü“ lässt sich durch Hören häufig leichter erfassen als durch weitere Bewegungsanweisungen.
Vom gesungenen „i“ zum „ü“
Ein zusätzlicher Zugang zur gewünschten Form ist der Übergang von einem gesungenen „i“ zu einem „ü“.
Zunächst wird das „i“ mit Stimme gesungen. Dann runden sich die Lippen zum „ü“, während die Zungenform möglichst wenig verändert wird. An dieser Stelle ist das Singen ausdrücklich Teil der Vorbereitung: Es erleichtert, die Vokalform zu finden und den Unterschied zwischen Lippenrundung und Zungenstellung wahrzunehmen.
Anschließend wird die Stimme weggelassen. Die gefundene Form dient nun als Ausgangspunkt für das geflüsterte „pü“. Auch dabei darf die Zunge an der Kante der unteren Schneidezähne anliegen, während der Kiefer locker bleibt.
Im weiteren Verlauf wird ohne Stimme geflüstert. Das gesungene „i“ ist ein vorbereitender Zugang, auf den bei Bedarf zurückgegriffen werden kann.
Damit das „pü“ deutlich hörbar wird, werden die Lippen leicht gerundet und gespitzt, ähnlich wie beim leisen Pfeifen. Diese Flüsterlippe hilft, die Arbeit im Mundraum hörbar zu machen.
Beim anschließenden Trompetenspiel wird die Spitzung wieder gelöst. Die Aufgabe besteht darin, die Vorstellung der Tätigkeit im Mundraum zu behalten, während die Lippen in ihre Spielstellung übergehen.
Als Zwischenbild verwende ich die M-Form: Nach dem Flüstern lösen sich die Lippen aus der Rundung, als wolle man ein leises „mmm“ beginnen. Gemeint ist eine ruhige Lippenstellung ohne festes Zusammenpressen. Aus ihr wird das Instrument angesetzt.
Diesen Übergang lohnt es sich gesondert zu üben: flüstern, die Lippenrundung lösen, die innere Form wiederfinden und die Trompete ansetzen. Besonders bei jungen Schülern wird sonst leicht die gesamte äußere Flüsterform auf das Instrument übernommen.
Die Orientierung der Zunge an den unteren Schneidezähnen und das lockere Kiefergefühl begleiten den Wechsel. Die Aufmerksamkeit bleibt bei der Arbeit im Mundraum.
Lip-Buzzing als zusätzliche Orientierung
Auch klassisches Lip-Buzzing, also das Erzeugen eines Lippentons ohne Mundstück, kann beim Finden dieser Ausgangssituation helfen.
Seinen Nutzen sehe ich in meiner Unterrichtserfahrung besonders im Zusammenspiel von Kieferöffnung, Mundraum und Lippenstellung. Wenn das Buzzing leicht gelingt, hat der Spieler häufig eine dafür passende räumliche Organisation gefunden. Diese Erfahrung kann beim anschließenden Ansetzen hilfreich sein.
Ich verwende Lip-Buzzing hier deshalb vor allem als Hilfe, eine sinnvolle Kieferöffnung und die ruhige „mmh“-Stellung zu entdecken. Der Schwerpunkt liegt auf der Vorbereitung im Mundraum; ein Training der Lippenschwingung steht für diesen Übungszweck nicht im Vordergrund.
Auch hier gilt: zuerst bemerken. Wie steht der Kiefer bei einem leicht gelingenden Versuch? Wie finden die Lippen zusammen? Welches Gefühl lässt sich anschließend beim Ansetzen wiedererkennen?
Lip-Buzzing ist eine ergänzende Möglichkeit. Für den weiteren Ablauf bleibt der Übergang vom Flüstern über den Luftstrom zum Trompetenton der zentrale Weg.
Der Anfang liegt in einer bequemen Lage, meist zwischen f¹ und c². Zunächst wird ohne Instrument geflüstert. Danach gehen die Lippen aus der Flüsterform in die Spielvorbereitung über, und die Trompete wird angesetzt.
Nun wird Luft durch die Trompete gehaucht, noch ohne klingenden Trompetenton. Wenn im Folgenden vom „Flüstern durch die Trompete“ die Rede ist, ist dieser Schritt gemeint. Die zuvor gehörte und gespürte Tätigkeit im Mundraum bleibt dabei gegenwärtig.
Aus diesem Luftstrom heraus wird die Lippenöffnung allmählich verkleinert, bis ein Ton anspricht. Der Kiefer bleibt locker. Die Lippen finden so weit zusammen, dass die Schwingung beginnen kann, ohne fest aufeinandergepresst zu werden.
Der Übergang darf suchend und unspektakulär sein. Zunächst wird der tatsächlich ansprechende Ton angenommen, auch wenn er noch nicht der vorgestellten Tonhöhe entspricht.
Der Ablauf lässt sich in vier Schritten wiederholen:
1. Ein leises „pü“ ohne Instrument finden und die Tätigkeit im Mundraum wahrnehmen.
2. Die Lippenrundung lösen und diese innere Vorbereitung beim Ansetzen wiederfinden.
3. Luft durch die Trompete hauchen, während der Kiefer locker bleibt.
4. Die Lippenöffnung allmählich verkleinern und bemerken, was beim Ansprechen des Tons geschieht.
Die Zungenaktivität bemerken
Meine besondere Aufmerksamkeit gilt dem Moment des Tonansprechens. Hier wird in meiner Erfahrung häufig eine minimale Zungenaktivierung spürbar, eher als feine Spannung nach vorn-oben denn als große Bewegung.
Diese Aktivität muss im ersten Versuch nicht absichtlich hergestellt werden. Die Übung schafft zunächst eine Gelegenheit, sie zu entdecken.
Was geschieht an der Zunge in dem Moment, in dem aus dem Luftstrom ein Ton wird?
Es lohnt sich, mehrere kurze Versuche zu machen und dazwischen abzusetzen. Manchmal wird die Tätigkeit erst beim wiederholten Übergang deutlich. Der Spieler kann vergleichen, wann der Ton leicht entsteht und wann zusätzliche Anstrengung hinzukommt.
Die Richtung „nach vorn-oben“ beschreibt dabei ein Empfinden. Der Kontakt im Bereich der unteren Schneidezähne darf bestehen bleiben; die Zunge muss dafür weder zurückgezogen noch als Ganzes nach oben geschoben werden.
Mit zunehmender Vertrautheit lässt sich das bemerkte Gefühl bewusst wiederaufgreifen. Darin liegt der entscheidende Lernschritt: Eine zunächst beiläufig entdeckte Tätigkeit wird zu einer verfügbaren Orientierung.

Die Zunge führt – die Atemunterstützung antwortet. Die innere Tätigkeit wird zunächst bemerkt und anschließend bewusst wiedergefunden.
Erst wenn der Ablauf in bequemer Lage wiederholt gelingt, wird er schrittweise nach oben erweitert. Der Ton soll weiterhin aus derselben Art der Vorbereitung entstehen.
Wenn zunächst nur Luft erklingt, wird der Übergang zwischen Lippenöffnung und Ton erneut gesucht. Spricht ein anderer Ton an, wird dieser zunächst angenommen. Anschließend kann wieder geflüstert und die innere Form neu vorbereitet werden.
Dabei helfen drei Fragen: Habe ich die Zungenaktivität bemerkt? Ist der Kiefer locker geblieben? Kann ich denselben Ablauf nach einer Pause wiederfinden?
Die Atmung begleitet den Vorgang und liefert die benötigte Luft. Die Aufmerksamkeit bleibt bei der Tätigkeit im Mundraum. So wird bereits in dieser ersten Übung jene Aufgabenverteilung vorbereitet, die später das Dudelsackbild veranschaulicht.
Die „Lippe-zu“-Übung ist damit mehr als eine Möglichkeit, einen Ton beginnen zu lassen. Sie macht einen inneren Vorgang zugänglich, der anschließend weiterentwickelt werden kann. Im nächsten Kapitel wird die entdeckte Zungenaktivität über den Tonbeginn hinausgeführt: Der Ton wächst im Crescendo, während der Kiefer weiterhin Raum gibt.
